Unterwegs im Sulzbürger "Landl"


Auf den Spuren der Geschichte religiöser Toleranz in Bayern

 


Sulzbürg vom Badberg aus. Links oben die beiden Kirchen auf dem Schlossberg, ganz rechts am Waldrand der jüdische Friedhof, in der Bildmitte die dritte der Sulzbürger Kirchen, die Marktkirche Zur Heiligen Dreifaltigkeit
 

Lage: Sulzbürg, ca. 15 km südlich von Neumarkt, ist Ortsteil der Gemeinde Mühlhausen (B 299). Parkplätze am Marktplatz

Öffnungszeiten: Die Kirchen auf dem Schlossberg sind in der Regel tagsüber geöffnet. Der Schlüssel für den Judenfriedhof ist im benachbarten Haus Nr 15 erhältlich.

 

 

 

 

Wanderungen: Eine Übersichtstafel am Marktplatz informiert über gut markierte Rundwege und die Gehzeiten. Vom nahen Badberg aus (Sendemast und Denkmal) bietet sich ein herrlicher Blick auf den Ort.

Rundweg (ca. 30 Minuten): Vom Marktplatz auf der Engelgasse an der Marktkirche vorbei zum jüdischen Friedhof. Von dort zurück zur Marktkirche und auf dem Pointweg aufwärts zum Schlossgelände und den Kirchen. Mit Markierung 5 weiter zu einem am Waldbeginn querenden Höhenweg, der nach rechts und nach links begangen werden kann, aber nicht um den ganzen Schlossberg führt. Er ermöglicht aber weite Ausblicke auf die umliegenden Dörfer, auf Neumarkt mit der Burgruine Wolfstein, die Zeugenberge und den Jura – Rückweg von den Kirchen zum Marktplatz auf der Schlossstraße oder dem (z. T. steilen) Fußweg.

 


Die beiden Kirchen auf dem Schlossberg. Rechts die evangelische Kirche St. Michael, links die katholische Pfarrkirche Zur Schmerzhaften Muttergottes.

 

Wissenswertes

 

Der mächtigste und historisch bedeutsamste der „Zeugenberge“, die sich aus dem Neumarkter Becken erheben, ist das vierkuppige Massiv aus Schloss- Bad-, Galgen- und Schlüpfelberg. Zwei mittelalterliche Schlösser Nieder- und Obersulzbürg, krönten einst den Schlossberg, an dessen Hang sich heute auf 570 m Höhe der Ort Sulzbürg erstreckt. Von hier aus lenkten die Herren und späteren Reichsgrafen von Wolfstein und Sulzbürg fast 500 Jahre die Geschicke ihres kleinen Territoriums. Sie taten dies mit Umsicht und Erfolg.

1561 nahmen sie das evangelisch-lutherische Bekenntnis an und die Bevölkerung folgte ohne Zwang. In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts fanden nach und nach zahlreiche
Exulanten“, evangelische Glaubensflüchtlinge aus Österreich, Aufnahme in Sulzbürg und durften auf den seit dem 30jährigen Krieg verödeten Hofstellen eine neue Existenz gründen. In Erinnerung an die alte Heimat, ihr „Ländchen ob der Enns“ nannten sie ihre neue Heimat „Landl“.

1740 erfolgt im Landl ein einschneidender Regierungs- und Besitzerwechsel: Graf Christian Albrecht stirbt ohne männliche Erben. Gemäß einer früheren Vereinbarung zwischen dem Kaiser und Bayern fällt sein Territorium an das katholische Kurfürstentum Bayern – der erste evangelische Landesteil, der zu dem bis dahin geschlossen katholischen Bayern kam und evangelisch blieb. Im Landl hat also die bayerische Evangelisch - Lutherische Landeskirche ihren Anfang.

Verwaltet wird das Landl jetzt von (katholischen) Pflegern des Kurfürsten Karl Albrecht. Nach und nach werden immer mehr Katholiken ansässig, deren Zuwanderung begünstigt wird: Beamte mit ihren Familien und Bediensteten, aber auch Katholiken anderer Berufe. 1750 ruft der Kurfürst zwei Kapuziner als Hofgeistliche und „Missionare“ nach Sulzbürg und lässt ihnen im ehemaligen Oberamtshaus ein Hospiz einrichten. Dem Versuch, ihr die erst 1723 neu erbaute Schlosskirche zu nehmen, widersetzt sich die evangelische Gemeinde vehement und erfolgreich. So lässt der Kurfürst 1756 neben dem evangelischen Gotteshaus die katholische Hof- und Missionskirche errichten, heute Pfarrkirche „Zur Schmerzhaften Muttergottes“

Seitdem grüßen vom Schlossberg als dessen Wahrzeichen zwei Kirchen weit ins Land. Von den Schlössern daneben ist jedoch heute nur mehr wenig vorhanden: das Torwarthaus, Reste von Türmen und Mauern und die breiten Wehrgräben. Während Niedersulzbürg schon um 1600 aufgegeben wurde und verfiel, wurde das gewaltige Schloss Obersulzbürg, das weithin das Land beherrschte, bald nach 1800 zum Abbruch freigegeben.

Schon seit dem 15. Jahrhundert konnten sich hier als Folge der Judenpogrome immer wieder jüdische Familien ansiedeln. Um 1850 bildeten sie ein Drittel der Bevölkerung, und die beiden christlichen Konfessionen und die jüdische Bevölkerung lebten in großer Toleranz zusammen. Infolge mehrerer Auswanderungswellen nach Amerika und in die größeren deutschen Städte ging jedoch die Zahl der jüdischen Bewohner bald stark zurück. Im November 1938 waren nur noch 16 Juden in Sulzbürg. In der Reichspogromnacht wurden die etwa 12 Thorarollen mit Beilen zerschlagen und das Synagogengebäude beschädigt. Die festgenommenen Juden, nur alte Männer, entließ die Polizei bald wieder; nur einer wurde ins KZ nach Dachau gebracht, weil er Widerstand leistete. 1942 wurden die letzten 11 Sulzbürger Juden nach Theresienstadt bzw. in andere nazi-deutsche KZ-Lager abtransportiert.


Ein Teil des jüdischen Friedhofs, der auf hügeligem Gelände am Ortsrand lag.

 


Grab des Angehörigen eine „Priesterfamilie“ („Cohen“)

Heute künden nur noch der stimmungsvolle jüdische Friedhof am Ortsrand, sicher einer der gepflegtesten und schönsten in Bayern, und das Gebäude der ehemaligen Synagoge von der jüdischen Bevölkerung.


 


Eingangstor zum jüdischen Friedhof. Er wurde noch 1905 erweitert.

 

 

 

 

Zurück zur Übersicht "Bistum"                                                                     Kulturwanderung